Von Peter M. Ranke

SAD Kairo - Ägyptens Hauptstadt Kairo ist von der Armee besetzt. Zwei Tage nach dem blutigen Aufruhr in den Vororten wurde die Ausgehsperre gestern von 9.00 bis 14.00 Uhr gelockert, aber die Kontrollen durch die Soldaten überall in der Stadt und an den Ausfallstraßen sind streng. Einige Geschäfte haben geöffnet, der sonst chaotische Autoverkehr ist zu einem dünnen Rinnsal über die Nübrücken geworden.

Für die Bevölkerung, die sich kaum an der Revolte der Bereitschaftspolizei am Mittwoch beteiligte, hat die neue und doch so bekannte Oberherrschaft der Armee auch etwas Gutes. Mehl und Linsen sind wieder ausreichend vorhanden, auch Geflügel und Tomaten werden herangeschafft. Die Presse lobt: Armee und Volk stehen zusammen.

Die Armee-Führung unter Marschall Abu Ghazala hat eine Panzer- Divison der Suez-Armee und Spezialeinheiten eingesetzt. Die Soldaten machen einen disziplinierten Eindruck. Sie tragen Stahlhelme mit Tarnnetzen, dunkelgrüne Anoraks, Sturmgepäck und Kalaschnikow- Sturmgewehre. An wichtigen Plätzen, wie vor dem Hauptbahnhof und vor den geschlossenen Universitäten, wachen Panzer.

Aus der US-Botschaft ist zu hören, daß man nicht glücklich darüber sei, wenn die jüngst gelieferten amerikanischen Waffen gegen Aufruhrer eingesetzt würden. In der ägyptischen Bevölkerung ist die Betroffenheit noch immer groß, daß Soldaten auf Polizisten geschossen haben. Unter den 36 Toten und 352 Verwundeten des "schwarzen Mittwoch" befinden sich 32 Polizisten und zwei Soldaten.

Die Armee verlangt jetzt, daß die schwarzuniformierte Bereitschaftspolizei mit rund 125 000 Mann aufgelöst wird. Präsident Husni Mubarak hat jedoch, wie häufig, noch keine Entscheidung getroffen. Er weiß aber, daß die Armee sein Regime gerettet hat und daß Marschall Abu Ghazala mehr Macht und Einfluß in der Politik fordern wird, nicht zuletzt bei der erwarteten Neubüdung des Kabinetts.

160 Staatsanwälte sind an der Untersuchung des Aufruhrs beteiligt und verhören die mehr als 2500 Bereitschaftspolizisten und Zivilisten, die zunächst in Wüstenlagern interniert worden sind. Vor allem sucht man jetzt nach den Hintermännern in den orthodox-islamischen Gruppen. Denn wie auf Kommando wurden drei große Hotels (Holiday-Pyramides, Holiday-Sphinx und Jolie- Ville) sowie Nachtklubs und Restaurants unterhalb der Pyramiden von Giseh mit Butan-Gasbomben, Handgranaten und Benzinkanistern in Brand gesetzt. Alles herbeigeschleppt aus der Polizeikaserne.

Das Hotel Mena-Haus ist dagegen kaum beschädigt, nur die Bar wurde verwüstet und angesteckt. Aber das Hotel Jolie- Ville, das zur Mövenpick- Gruppe gehört, ist nur noch eme ausgebrannte Ruine, einschließlich der davor geparkten Autos. Die Bungalows sind zusammengestürzt, überall tritt man auf Glas und verbogenen Stahl. Nicht anders die beiden zerstörten Hotels der Holiday-Inn- Gruppe mit ihren schwarzen Fensterhöhlen, hinter denen Feuerwehrleute arbeiten. Die Restaurants und Nachtklubs an der breiten Pyramidenstraße mußten daran glauben, weil dort Bier und andere alkoholische Getränke ausgeschenkt wurden - ein Hinweis auf das Werk moslemischer Fanatiker.

Aufräumungsarbeiten haben noch nicht begonnen, denn die Untersuchungen sind längst nicht beendet. So will man auch klären, ob sich die Bewohner von zwei großen Bauarbeiter-Camps genau gegenüber den drei Luxushotels an den Verwüstungen beteiligten, denn auch mehrere Privatvillen wurden geplündert und angesteckt. Es ist ein Wunder, daß die rund 600 Touristen und alle übrigen Zivilisten weitgehend ohne Verletzungen rechtzeitig evakuiert werden konnten.

Die Geretteten feierten in der Nacht zum Freitag vor ihrem Abflug ein rauschendes ägyptisches Volksfest mit Bauchtänzerinnen, Trommeln und Flöten im Ramses-Hotel auf Kosten ihrer Reiseleiter. Da die Museen und auch der Basar geschlossen sind und wegen der Sperrstunden keine Ausflüge unternommen werden können, warten die meisten Touristengruppen nur noch auf den Abflug. Weil vier Touristen aus Frankreich bei den Unruhen verletzt wurden, ist das Tourismusgeschäft zur Zeit tot, praktisch wurden alle Ägyptenreisen storniert.

Das ist ein schwerer finanzieller Schlag für das Land; die Ausfälle gehen in die Millionen Dollar. Auch das Investitionsklima leidet, denn so schnell werden keine ausländischen Gesellschaften mehr Hotels in Kairo bauen. Der Riesenkasten des neuen "Semiramis" am NU bleibt vorläufig eine Bauruine, da der Touristenzustrom schon im Herbst beträchtlich nachgelassen hatte, nicht zuletzt wegen der Terror-Aktionen im Mittelmeerraum.